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Specimen Hunting - Die Jagd nach dem besonderen Fisch!

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specimen_hunting_teaser.jpgEs gibt viele Gründe sich mit einer Angel ans Gewässer zu setzen. Z.B. um die Natur zu genießen, einen Fisch zu fangen, sich mit Freunden zu treffen oder vor der Frau zu flüchten. Der Specimen Hunter (auf deutsch „Exemplar Jäger“) hat aber oft ein besonderes Ziel im Sinn: den Fisch seines Lebens!



Specimen Hunting – Klasse statt Masse
Es fällt nicht leicht zu erklären, was Specimen Hunting eigentlich genau ist und was nicht. Ich glaube, das wichtigste Merkmal eines Specimen Hunters ist, dass er sich einen Plan davon macht, wie er eine bestimmte Fischart oder einen bestimmen Fisch künftig beangeln wird. Er informiert sich im Vorfeld über die Verhaltensweisen des Fisches, liest Fachbeiträge, informiert sich über Montagen, geeignetes Angelgerät, Köder und über das Gewässer, in dem er seine Zielfische vermutet. Diese Beschreibung würde bspw. auch noch auf einen Wettkampfangler zutreffen. Doch während der Wettkampfangler versucht Masse zu machen (über viele Fische), so setzt der Specimen Hunter auf Klasse! Meist hat er das Ziel, ein möglichst großes Exemplar einer Art zu fangen. Es werden deshalb Angelstellen aufgesucht, an denen man besonders große Fische vermutet, es werden Köder und Montagen verwendet, die kleine Fische ausselektieren oder es werden gar hunderte Kilometer gereist, um an Gewässern zu Angeln, in denen es nur sehr wenige, aber dafür sehr große Fische dieser bestimmten Art gibt. In manchen Fällen geht es dem Specimen Hunter sogar um einen ganz speziellen Einzelfisch! Das ist nicht immer der größte Fisch, sondern kann z.B. auch ein besonders schönes Exemplar sein.

Ursprünge des Specimen Huntings

derek_quirk_brassen.jpgEin Specimen Hunter, wie er wahrhaft im Buche steht: Derek Quirk mit einem Ausnahmefang kapitaler Brassen. Das war kein Zufall, sondern Ergebnis jahrelanger Studien! (Aus: Quirk, D. (1990): Bream. Beekays Successful Angling Series. Beekay Publishers, Beds.)

Specimen Hunting hat seinen Ursprung in Großbritannien, wo man der Angelfischerei seit jeher einen großen Stellenwert einräumt. Im Gegensatz zum Rest Europas hatte der Nahrungserwerb beim Fischen dort nur einen untergeordneten Stellenwert, und der anglerische Erfolg sowie die Trophäe waren stets wichtiger. Besonders große Exemplare wurden den Angelmagazinen gemeldet und die glücklichen Fänger neidlos bewundert. Meldungen über kapitale Fänge schmückten sogar die Titelblätter und wurden teilweise mit mehrseitigen Reportagen gewürdigt. In den 50er Jahren wurden Ausnahmefische zudem aufwendig präpariert und in kunstvollen Schaukästen ausgestellt. Als wahrhaft sportlich galt den Briten in dieser Zeit jedoch lediglich das Fliegenfischen. Durch berühmte Anglerpersönlichkeiten wie bspw. Richard Walker sollte sich dies aber ändern. Walkers erklärtes Ziel war es, dem angelnden England zu verdeutlichen, dass das Angeln auf Karpfen ebenso herausfordernd und sportlich ist, wie das elitäre Fliegenfischen. Walker wurde schließlich durch grandiose Karpfenfänge am legendären Redmire Pool berühmt. Sein großer Streich war, dass er den von ihm am 13. September 1952 gefangenen damaligen Rekordkarpfen „Clarissa“ mit 44 lb unter riesigem Medienrummel in den Londoner Zoo umsetzen ließ, wo dieser noch viele Jahre zu bestaunen war. Das Karpfenangeln bekam daraufhin Aufwind und wurde in den folgenden Jahrzehnten regelrecht zu einer Massenerscheinung - bis heute. In den 60ern und 70ern entstanden  in Großbritannien zahlreiche Specimen Hunting Groups, deren Vorbilder berühmte Anglerpersönlichkeiten wie Richard Walker, Peter Stone, Jack Hilton oder Fred J. Taylor waren. Die Gruppen hatten das Ziel, die Verhaltens-weisen ihrer Zielfische besser zu verstehen und die Angelmethoden zum Fang besonders großer Exemplare zu verbessern. Die meisten dieser Gruppen fokussierten sich auf den Karpfen. Es gab aber auch Gruppen, die sich z.B. der Barbe, dem Döbel, dem Hecht oder dem Aal verschrieben hatten. Die Specimen Hunting Groups trugen durch interne Aktivitäten und öffentliche Berichte in Angelmagazinen nicht nur dazu bei, das Angeln auf ihren Zielfisch weiterzuentwicklen und zu popularisieren. Zahlreiche kritische Artikel beschäftigten sich auch mit dem Erhalt der Lebensräume und dem Zurücksetzen großer Exemplare. Durch Beobachtungen der Specimen Hunting Groups wurde nämlich früh deutlich, dass nur das konsequente Zurücksetzen der großen Fische zum Erhalt eines für das Gewässer und den Angler zufriedenstellenden Fischbestands führen kann. Heute ist das Catch & Release fester Bestandteil britischer Angelkultur!
In Deutschland wurde – so weit ich weiß - die erste bekannte Specimen Hunting Group 1977 gegründet. Es war die heute immer noch bestehende Specimen Hunting Group Dortmund , deren Gründungsmitglieder Bernd Steffen und Roland Fiedler seither zu festen Größen in der deutschen Friedfischszene gehören. In den Folgejahren, als die fortwährende Mode des Karpfenangelns unser Land erreichte, bildeten sich zusätzlich viele lokale Karpfenangler-Gruppierungen. Die ältesten noch erhaltenen Gruppierungen nach englischem Vorbild dürften neben der SHG Dortmund wohl der „Deutsche Karpfen Angelclub e.V. 1989“ und der „Deutsche Hechtangler-Club e.V. “ von 1993 sein.


Reiz des Specimen Huntings
Der Reiz des Specimen Huntings liegt meiner Meinung nach in dem großen Spannungsfeld zwischen Entbehrung und Erfolg. Für die meisten Angler dürfte der regelmäßige Fang eines Fisches das sein, was ihnen die größte Zufriedenheit bietet: Es muss kein besonders großer sein, aber es sollte möglichst bei jedem Angeln etwas an der Rute hängen – egal was. Der Specimen Hunter tickt da völlig anders! Ihm sind kleine Fische in der Regel egal. Er sucht die persönliche Herausforderung im Versuch das fast unmögliche zu schaffen. Er möchte den kapitalen, den besonderen Einzelfisch fangen. In das Erreichen dieses Ziels steckt er viel Energie. Es liegt in der Natur der Sache, dass es schwierig ist richtig kapitale Exemplare zu fangen. Auf der Hand liegt deshalb, dass die allermeisten Versuche (zumindest die ersten) Niederlagen sein werden. Hier kommt es auf den persönlichen Charakter an, auf das, was einen dazu anhält, trotz blutiger Misserfolge weiterhin am Ball zu bleiben. Ganz klar, das ist verrückt! In einem kürzlichen Telefonat mit einem Leidensgenossen wurde mir wieder deutlich, wie die Seele eines Specimen Hunters gestrickt ist. Er erzählte mir, dass er nun schon seit Wochen versucht, an einem bestimmten, kleinen Gewässer eine der großen Schleien zu fangen, die er dort schon öfters beobachten konnte. Bisher blieben aber alle seine Bemühungen vergebens. Es war deutlich zu hören, dass er beginnt an seiner Herangehensweise zu zweifeln. Ich sagte ihm daraufhin, er solle doch mal ein anderes, einfacheres Gewässer aufsuchen, um wieder Vertrauen in seine Methoden zu bekommen. Was er mir darauf antwortete, hat mich beeindruckt. Er meinte: „Das möchte ich nicht. Es darf nicht zu einfach sein. Ich muss für meine Fische bluten.“ Der Mann ist einfach vom Specimen Hunting Virus infiziert und wird ihn wohl auch nie wieder loswerden! Glaubt mir, an dem Tag, an dem sein Plan aufgeht und eine der großen Schleien in seinen Kescher gleitet, an diesem Tag ist dieser Kerl der glücklichste Angler Deutschlands! Jeder, der so etwas schon durchgemacht hat, kennt die zitternden Knie, den Glücksschrei und die unzähligen Telefonate, die auf den Fang eines solch lang ersehnten Fisches folgen. Alle bisherigen Anstrengungen und Misserfolge sind dann schlagartig vergessen.

 

specimen-hunting_pose.jpgAuf der Jagd nach dem besonderen Fisch tut sich meist nicht viel. Zeit zum Nachdenken...


specimen-hunting_spinne.jpg...und Zeit, um Dinge zu entdecken, die sonst leicht übersehen werden.


Die vielen Niederlagen, die bei dieser Art des Angelns unvermeidbar sind, haben aber ein Gutes. Und zwar zwingt es den Angler zum Nachdenken, zum ständigen Zweifeln an seiner Herangehensweise, zum Probieren und zum Austausch mit anderen Anglern. Das ist der Quell zur Weiterentwicklung aller Angeltechniken und hat uns viele grandiose Fortschritte beschert.  Auch kommen die meisten grandiosen und literarisch anspruchsvollen Angelbücher aus der Feder hervorragender Specimen Hunter, die in den endlosen Stunden der Entbehrung und des Selbstzweifels eine andere Ebene des Angelerlebnisses erreicht haben. Chris Yates und seine beeindruckenden Bücher seien hier nur stellvertretend erwähnt.

wolfgang-kalweit_doebel.jpgEin besonderer Fisch: Bei meinen ersten Versuchen, Winterdöbel an neuen Gewässern mit neuen Methoden zu fangen, blieb mein Kescher lange trocken. Dieser Fisch - wahrlich kein Riese - besiegelte das Ende dieser Niederlagen. Selten habe ich micht über einen Fisch so gefreut, ich war beflügelt für Tage, hatte neue Energie.

 

wolfgang-kalweit_brasse.jpgDiese Dame war meine erste Brasse über 10 Pfund. Wie viele Tage Vorbereitung und Kofzerbrechen in diesem Erfolg stecken.... In der Fang-Nacht saß ich noch Stunden hinter den Ruten und war überglücklich.



Die Philosophie des Specimen Huntings

specimen-hunting_avon-waage_klein.jpg
Stets dabei: Eine gute Waage.

Auf der Jagd nach dem Personal Best können manchmal wenige Gramm über Sieg und Niederlage entscheiden. Aus diesem Grunde gibt sich der Specimen Hunter große Mühe, das Gewicht (oder neuerdings bei einigen Fischen die Länge) exakt zu bestimmen. Präzise Waagen, das Abziehen des Gewichtes des nassen Wiegenetzes und Ehrlichkeit zu sich selbst gehören deshalb zur Wiegeprozedur. Gelogen wird selten, da man in erster Linie sich selbst etwas beweisen möchte, und sich selbst belügen funktioniert nur bedingt.
Neben dem Ziel des besonderen Fisches hat sich im Specimen Hunting auch eine eigene Philosophie, eine besondere Einstellung zum Angeln entwickelt. Neben dem bereits beschriebenen Hang zur Selbskastei besitzen Specimen Hunter meist eine besonders rücksichtsvolle Art sich am Gewässer und gegenüber dem gefangene Fisch zu verhalten. Ok, schwarze Schafe und Proleten gibt es überall. Ich beziehe mich auf die, die das Specimen Hunting und die Philosophie mit Leib und Seele verkörpern. Der schonende Umgang mit dem Fisch steht klar im Vordergrund. Im Idealfall versucht man mit schonenden Montagen, kurzen Drillzeiten, schonender Handhabung und kurzem „Landgang“ dem Fisch die größtmögliche Überlebenschance nach dem Zurücksetzen zu gewährleisten. Das ist das zentrale Element des Specimen Huntings und sollte immer wieder bedacht werden!!!


 

specimen-hunting_schleie.jpgSpecimen Hunting heißt schonender Umgang mit dem Fisch. Eine weiche Abhakmatte ist Pflicht!

 

specimen-hunting_doebel-release.jpgGehört nicht nur in Großbritannien zur Philosophie des Specimen Huntings: Das Zurücksetzen großer Fische.


Vom Virus infiziert
Warum ein Angler zum Specimen Hunter wird, ist nicht zu erklären. Man braucht glaube ich einen gewissen Ehrgeiz und vor allem eine große Neugierde nach dem Unbekannten. Hat man das schon im Blut und wird dann von jemandem mit dem Virus angesteckt, dann kann sich dieser ungehemmt im Körper ausbreiten. Übrigens: Der Virus wird am schnellsten von den leuchtenden Augen und dem strahlenden Lächeln eines zufriedenen Specimen Hunters übertragen, der mit zittriger Stimmer davon berichtet, wie er schließlich nach vielen Niederlagen IHN fing – den Fisch seines Lebens!


Von Wolfgang Kalweit


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