
Aus den unterschiedlichsten Gründen werden Fische nach dem Fangen zurückgesetzt. Für manche Fälle schreibt es das Fischereigesetz sogar vor, wie z.B. bei untermaßigen, geschützten oder in der Schonzeit gefangenen Fische. Auch kann es vorkommen, dass man im Ausland auf Regelungen trifft, die ein generelles Zurücksetzen bestimmter Fischarten vorschreiben. Das ist z.B. in einigen niederländischen Regionen (für den Hecht) der Fall, in England an fast allen „Day Ticket Waters“ und in unzähligen namenhaften Forellenstrecken weltweit. Und schließlich gibt es den Fall, dass einige Angler selbst entscheiden, ob sie einen Fisch verwerten oder nicht.
In allen Situationen sollte das Wohl der Fische im Vordergrund stehen, d.h. ein schonender und respektvoller Umgang gewährleistet sein. Verschiedene Faktoren sind dabei für das Wohlergehen der Fische entscheidend und sollten jedem Angler bekannt sein:
Fischart und Verweildauer an Land
Wie lange ein Fisch außerhalb des Wassers schadlos überleben kann ist erheblich von der Fischart abhängig. Ein Karpfen ist bspw. aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen dazu in der Lage, extrem lange ohne im Wasser gelösten Sauerstoff auszukommen. Er kann sogar in gewissem Umfang Sauerstoff aus der Luft aufnehmen! Hierfür hat die Evolution gesorgt, die dem Karpfen so in sauerstoffarmen Gewässern einen Überlebensvorteil beschert.
Ein extremes Gegenteil ist die Bachforelle. Ihr natürlicher Lebensraum ist sehr sauerstoffreich; sie benötigt demnach auch relativ viel Sauerstoff. Was das in der Praxis bedeutet, sollte jedem sofort klar werden. Die Erfahrung zeigt, dass ein Karpfen unbeschadet Drill, Wiegen und Erinnerungsfoto vertragen kann, ohne, dass der Fisch langfristig Schaden durch Sauerstoffmangel nimmt. Die Bachforelle hingegen könnte bei der gleichen Behandlung einen Schaden erleiden. Deshalb sollte man die Handhabung auf jede Fischart abstimmen. Richtwerte zu nennen ist schwierig, da sie stark von weiteren Faktoren abhängig sind (vor allem Wassertemperatur) und dementsprechend variieren (siehe weiter unten). Eins ist aber klar: ein guter Angler muss dazu in der Lage sein, einen Fisch sekundenschnell wieder zurückzusetzen. Dazu ist es wichtig, dass alle Utensilien (Maßband, Hakenlöser, Waage, Fotoapparat, Abhakmatte etc.) griffbereit und einsatzbereit sind.
Umweltbedingungen
Es ist von entscheidender Bedeutung, wie sich die Temperaturverhältnisse zum Zeitpunkt des Fangs gestalten. Fische sind wechselwarme Lebewesen, d.h. sie können ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren. Sie besitzen also in etwa die gleiche Temperatur wie das sie umgebende Wasser. Von der Körpertemperatur wird ihr Stoffwechsel beeinflusst. Demnach verbrauchen sie bei hohen Temperaturen besonders viel Sauerstoff und bei niedrigen Temperaturen besonders wenig. Das bedeutet: Fangen wir einen Fisch im Winter, kann er viel länger unbeschadet an der Luft verweilen als das im Hochsommer der Fall wäre, da er weniger Sauerstoff benötigt. Wir sollten uns also merken, dass es vor allem bei hohen Wassertemperaturen außerordentlich wichtig ist, den Fisch so schnell es geht wieder zurückzusetzen!
Drilldauer
Je länger ein Drill dauert, umso stärker verausgabt sich der Fisch. Es ist also wichtig: den Drill so kurz wie möglich gestalten! Deshalb sollte man sein Gerät nicht zu fein auslegen um entsprechende Reserven zu besitzen. So ist es nicht nötig den Fisch erst „müde“ werden zu lassen. Die britische Barbel Society gibt den Rat, den Fisch nach dem Keschern einen Moment im Wasser zu lassen, damit er die Sauerstoffschuld etwas abbauen kann. Sie empfehlen sogar, den Fisch nach dem Hakenlösen und vor dem Fotografieren nochmals eine Weile mit dem Kescher ins Wasser zu lassen und vor dem Zurücksetzen erneut, damit er nicht erschöpft von der Strömung erfasst wird (siehe "Handling Code" der Barbel Society ).
Handhabung
Um die Verletzungs- und Infektionsgefahr zu minimieren, sollten einige Regeln beachtet werden:
- Keschernetze mit möglichst feinen Maschen verwenden, damit sich die Flossenstrahle nicht durchdrücken und einschneiden.
- Große Fische nicht mit Landungshilfen (Boga Grip, Berkly Landungshilfe) vollständig hochheben. Wenn die Fische schlagen kann es nämlich zu schweren Verletzungen des Mauls kommen. Immer das Hauptgewicht des Fisches mit der anderen Hand/Arm tragen.
- Fische immer mit beiden Händen anheben. Größere Fische niemals mit Nacken- oder Kiemengriffen anheben. Dabei kann es zu Gefäßverletzungen und Brüchen kommen
- Fische immer mit nassen Händen anfassen
- Bei größeren Fischen möglichst eine Abhakmatte verwenden (kleinere Exemplare kann man im Wasser abhaken oder in eine Hand nehmen). Ansonsten den Fisch im Kescher auf weiches Gras, Laub oder Moos ablegen. Niemals auf Steine oder Sand! Auch im Boot sollte eine Abhakmatte zum Standard gehören
- Beim Fotografieren den Fisch nur über einer Abhakmatte anheben (im Knien, niemals im Stehen), damit er ggf. auf eine weiche Unterlage fällt (das darf aber eigentlich nie passieren!)
- Endlose Fotosessions sind Tabu! 2-4 schnelle Fotos müssen ausreichen
- Fische aus dem Boot in kurzer Zeit aus großer Tiefe „hochpumpen“ kann sehr schädlich sein (siehe dazu „Taucherkrankheit“) . Nicht selten wurde von Zandern und Barschen berichtet, die beim winterlichen Vertikalangeln in 10 Metern Wassertiefe schon tot an der Wasseroberfläche ankamen. Das Verhängnisvolle ist, dass die Fische nicht immer sofort tot sind und nach dem Zurücksetzen zunächst wieder abtauchen. Doch die Schäden können so groß sein, dass sie später verenden. Langsames Hoch-Drillen ist also hier angebracht
- Fische sollte man nie aus großer Distanz ins Wasser werfen. Wenn es geht, den Fisch mit der Hand oder mit dem Kescher sanft ins Wasser setzen
Sitz des Hakens
Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Überlebenschance eines zurückgesetzten Fisches stark davon abhängt, wo der Haken gesessen hat und wie er gelöst wurde. Dabei zeigt sich vor allem eine wichtige Handlungsanweisung bei Fischen, die den Haken tief verschluckt haben. In diesen Fällen ist die Überlebenschance recht gut, wenn man die Schnur unmittelbar am Maul abtrennt und den Haken ohne Löseversuche im Schlund lässt. Denn häufig richtet man mit dem Hakenlöser größere Schäden an, als sie der Haken verursacht. Doch so weit sollte man es nicht kommen lassen! Wer es seinem Gewissen ersparen möchte, einen Fisch mit Haken im Schlund sich selbst zu überlassen, der sollte an seinen Angelpraktiken feilen. Die berühmte „Zigarettenlänge“ Wartezeit beim Biss kann tödlich sein! Letztendlich ist es immer besser einmal einen Biss zu verschlagen, als nachts nicht schlafen zu können...
Es wäre gut, wenn jeder Angler diese Ratschläge befolgen würde. Es erfordert zunächst sicher etwas Übung und Geduld. Doch Zurücksetzen macht nur Sinn, wenn der Fisch keinen Schaden nimmt. Darüber sollte man sich immer bewusst sein.
Von Wolfgang Kalweit
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