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Lockstoffe: Interview mit Friedfischexperte und Chemiker Nils Rentmeister

lockstoff teaserDas Thema Lockstoffe ist vor allem für Friedfischangler von großer Bedeutung. Der Köder, das Grundfutter und die Partikel müssen fängig sein. Sie sollen dem Fisch „schmecken“, ihn zum Fressen animieren und bestenfalls in einen Fressrausch versetzen. Was es mit Lockstoffen auf sich hat und wie sie funktionieren, verrät uns Quantum/Browning Teamangler Nils Rentmeister, Chemiker und spezialisierter Friedfischangler in einer Person.

 

Als freier Autor für verschiedene Angelmagazine und Teamangler für Quantum/Browning zählt Nils Rentmeister zu den erfahrensten und profiliertesten Friedfischanglern Deutschlands. Da er zugleich auch einen Master in Chemie besitzt und kurz vor der Promotion steht, hat ihn das Thema "Lockstoffe", d.h. die Lockwirkung von Ködern, Futter und Futterzusätzen schon seit längerem auch aus naturwissenschaftlicher Sicht beschäftigt. In dieser „Doppelfunktion“, d.h. Chemiker einerseits und spezialisierter Friedfischangler andererseits, hat er sich bereit erklärt, für Classy Catchers einige Fragen rund um das Thema "Lockstoffe“ zu beantworten.

Nils Rentmeister ist spezialisierter Friedfischangler und Chemiker. Das Thema Lockstoffe beschäftigt ihn deshalb nicht nur aus dem Blickwinkel eines Anglers. (Fotos: N. Rentmeister)Nils Rentmeister ist spezialisierter Friedfischangler und Chemiker. Das Thema Lockstoffe beschäftigt ihn deshalb nicht nur aus dem Blickwinkel eines Anglers. (Fotos: N. Rentmeister)

CC: Nils, zunächst bedanke ich mich außerordentlich dafür, dass du dir die Zeit nimmst, um ein paar schwierige Fragen zur Lockwirkung von Ködern, Futter und Futterzusätzen zu beantworten. Kannst du vorweg kurz beschreiben, was man im chemisch-wissenschaftlichen Sinne überhaupt unter „Lockwirkung“ versteht? D.h., was passiert da zwischen Köder und Fisch überhaupt?

Nils Rentmeister: Wenn wir von Lockwirkung reden, dann beschreibt das zunächst, dass der Fisch Stoffe im Wasser wahrnimmt und diese als attraktiv beurteilt. Das passiert über Chemorezeptoren, also Rezeptoren, die Moleküle erkennen. So ist es dem Fisch möglich, viele unterschiedliche Substanzen zu erkennen und zu unterscheiden. Wenn der Fisch eine Substanz als attraktiv einstuft, wird er seiner Spur folgen.

CC: Es gibt ja einige Untersuchungen zur Nahrungsaufnahmestimulanz bestimmter Substanzen bei Fischen. Was sind das für Stoffe, die für Fische als besonders Appetitanregend gelten?

Nils Rentmeister: Tatsächlich gibt es Stoffe, die eine positive Stimulanz bewirken. Ich beziehe mich im Folgenden zumeist auf unseren einheimischen Karpfen, da hier im Gegensatz zu vielen anderen Fischarten einige Versuchsergebnisse vorliegen. Eine wichtige Gruppe von Substanzen die eine positive Stimulanz bewirken können sind Aminosäuren, wie beispielsweise Cystein und Prolin. Dass Karpfen Aminosäuren grundsätzlich aufspüren können, ist wenig verwunderlich, denn Proteine (vereinfacht „lange Aminosäure-Ketten“) sind seine Haupt-Energiequelle. Interessant ist aber, dass nicht alle Aminosäuren eine positive Stimulanz hervorrufen. Andere Aminosäuren, wie beispielsweise Methionin oder Phenylalanin bewirken nämlich genau das Gegenteil, nämlich eine negative Stimulanz (also Abstoßung). Hinzu kommt, dass es unter den Fischarten erhebliche Unterschiede hinsichtlich ihrer Aminosäure-Präferenz gibt. Wenn also eine Aminosäure für den Karpfen stimulierend ist, heißt das noch lange nicht, dass man mit diesem Lockstoff auch eine Barbe oder eine Schleie aus der Reserve locken kann. Neben Aminosäuren gibt es auch andere Verbindungen, die von Fischen als attraktiv eingestuft werden. Im Fall des Karpfens sind das beispielsweise organische Säuren wie Zitronensäure.

CC: Nun ist es natürlich spannen zu wissen, wo die „guten“ Aminosäuren Cystein und Prolin enthalten sind und wo die abstoßenden Aminosäuren wie  Methionin oder Phenylalanin?

Nils Rentmeister: Und da liegt genau der Hase im Pfeffer begraben. Grundsätzlich kommen nämlich alle diese Aminosäuren in „gewöhnlichen“ Proteinen vor. Es gibt zwar je nach Nahrungsquelle variierende Anteile, aber ein anderer Punkt ist viel wichtiger. In einem Protein sind Aminosäuren erst einmal gebunden und können nicht einfach ausgespült werden, somit können sie auch nicht ohne weiteres locken. In der Regel sind freie Aminosäuren nur in sehr geringen Konzentrationen vorhanden. Aber auch wenn freie Aminosäuren enthalten sind, wie beispielsweise in einem Fischöl, ist es schwierig die entstehenden Effekte zu quantifizieren, weil durchaus auch synergetische Effekte zwischen verschiedenen Aminosäuren möglich sind. Jeder kann sich vorstellen, wie endlos die Versuchsreihen wären, wenn solche Effekte untersucht werden würden. Die Möglichkeiten der Kombinationen von verschiedenen Aminosäuren sind einfach endlos.

CC: Es gibt eine nahezu unüberschaubare Menge synthetischer Lockstoffe in den Regalen der Angelgeschäfte. Wie ist es zu erklären, dass eine synthetische Flüssigkeit, die z.B. nach „Strawberry Jam“ riecht, eine Lockwirkung auf Fische hat? Kann der Fisch ebenso wie wir Menschen zwischen diesen, für unsere Nasen entwickelten Geruchsstoffen unterscheiden und Vorlieben entwickeln, oder ist es egal, welchen der künstlichen Flavours man benutzt (Hauptsache es riecht stark)? Ist ihm unter Umständen der Geruch sogar egal, da er nur auf das Lösemittel Alkohol reagiert?

Nils Rentmeister: Das was Menschen riechen und Fische riechen und schmecken hat nichts miteinander zu tun. Das was wir als Menschen riechen ist also in der Tat vollkommen egal. Wie schon erwähnt, Fische können zwischen einer Vielzahl von Substanzen unterscheiden. Neben Stoffen, die Fische „mögen“,  gibt es viele die ihnen vollkommen egal sind, aber auch einige, die sie überhaupt nicht mögen. Es ist daher nicht egal, welche Substanz eingesetzt wird. Ob ein Strawberry Jam Aroma also attraktiv ist, kann nur der Versuch zeigen, nicht aber unsere Nase. Grundsätzlich ist der Gedanke, dass auch Träger wie Ethanol eine Lockwirkung zeigen, nicht ganz ausgeschlossen, aber auch hier fehlen wissenschaftliche Hinweise.

CC: Bist du also von der Lockwirkung synthetischer, künstlicher Lockstoffe überzeugt, oder würdest du natürliche Lockstoffe immer bevorzugen?

Nils Rentmeister: Ich setzte sowohl vermeintlich natürliche wie auch synthetische Lockstoffe ein (dazu später mehr). Wenn ein Molekül attraktiv für Fische ist, dann ist es vollkommen egal, ob dieses Molekül in der Natur entstanden ist, oder ob es industriell erzeugt wurde, da diese absolut identisch sind. Eine Unterscheidung von künstlich und natürlich ist daher nicht immer sinnvoll.

Nils Rentmeister ist von der Wirkung einiger Lockstoffe überzeugt. Dennoch ist für ihn die Platzwahl entscheidend, da auch der beste Köder keinen Fisch über große Entfernung an einen schlechten Platz lockt. Nils Rentmeister ist von der Wirkung einiger Lockstoffe überzeugt. Dennoch ist für ihn die Platzwahl entscheidend, da auch der beste Köder keinen Fisch über große Entfernung an einen schlechten Platz lockt.

CC: Es gibt ja einige Lockstoffe auf Ölbasis. Wie beurteilst du deren Lockwirkung vor dem Hintergrund, dass Öl nicht wasserlöslich ist?

Nils Rentmeister: Ob als Träger Ethanol, Glycerin oder Öle eingesetzt werden, ist erst mal nicht so wichtig. Ich versuche kurz zu erklären warum: Wenn ein Stoff in Öl gelöst ist, weist das zwar darauf hin, dass dieser weniger gut in Wasser löslich ist. Das heißt aber nicht, dass er gar nicht wasserlöslich ist. Wir wissen, dass Fische sehr geringe Konzentrationen  wahrnehmen können. Beispielsweise können Karpfen bestimmte Stoffe ab einer Konzentration von 10-7 bis 10-9 Mol pro Liter wahrnehmen (das ist echt wenig!). Das entspricht etwa einem Esslöffel Substanz auf ein mittelgroßes Schwimmbecken. Wenn also beispielsweise für die Herstellung von Boilies ein Aroma auf Ölbasis einsetzt wird, heißt das nicht, dass der Boilie weniger fängig ist!

CC: Was ist deiner Meinung nach die größte Falschannahme unter Anglern in Bezug auf Lockstoffe?

Nils Rentmeister: Wir alle riechen gerne an unserem Futter, unseren Ködern und unseren Lockstoffen. Das gibt uns die nötige Portion Vertrauen beim Angeln. Ein Fehler ist aber, dass wir von diesem Geruch auf das Verhalten von Fischen schließen. Eine andere Falschannahme ist, dass ein super Attraktor einen Fisch auf den Platz bringt, auch wenn dieser weit entfernt ist. Insbesondere in stehenden Gewässern kann sich ein Attraktor nur schlecht ausbreiten. Ohne Wasserbewegung wird der Fisch daher auch den besten Köder niemals auffinden können. Ein Angler, der gänzlich auf Attraktoren verzichtet, aber weiß wo der Fisch frisst, wird daher immer besser fangen als ein Angler, der einen super Attraktor einsetzt aber einen schlechten Platz wählt.

CC: Nenne uns doch bitte Deine bewährtesten Lockstoffe, Futterzusätze etc.!

Nils Rentmeister: Größtes Vertrauen genießen bei mir die Lockstoffe Vanille, Ananas, Knoblauch und Buttersäure. Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber davon sind nicht alle wissenschaftlich begründet. Ansonsten setze ich sehr gerne Fisch, Huhn, Hanf und Brot ein, also vermeintliche „Naturprodukte“ mit unzähligen unterschiedlichen Lockstoffen, bei denen man kaum sagen kann, welcher genau die hohe Attraktivität bewirkt.

CC: Meinst Du bei den von Dir genannten Lockstoffen Vanille, Ananas etc. „künstliche“ Flavours oder die natürlichen Zutaten? Was sind das für Gründe, warum Du auf sie schwörst? Und noch eine Frage: Wie angelst Du denn bitte mit Huhn?

Nils Rentmeister: In diesen Fällen handelt es sich um eindeutig charakterisierbare Stoffe oder Zutaten. In meinem Fall sind sie „künstlich“ hergestellt, sie finden sich aber ebenso in der Natur. Eine Unterscheidung von künstlich und natürlich macht hier wenig Sinn, auch wenn ein Naturprodukt natürlich noch verschiedene andere Substanzen enthält. Die wichtigsten Zutaten sind dieselben! Meine Gründe für den Einsatz sind Erfahrung, Vertrauen und verschiedene Überlegungen, deren Erklärung an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde. Ich nehme dieses Interview zum Anlass, einen separaten Bericht  für eine Angelzeitschrift zu verfassen. Ein von mir verwendeter Huhn-Bestandteil ist Leber (meistens zum Fischen auf Döbel). Hühnerbestandteile haben in vielen Fällen einen hohen Lockeffekt. Ich will hier keinesfalls die Werbetrommel rühren, aber in unserer Boilie-Palette von Radical befindet sich nicht ohne Grund ein speziell entwickelter Hühnerboilie (Bloddy Chicken).

Bei den tierischen Ködern schwört Nils insbesondere auf Hühnerbestandteile. Beim Döbelangeln kommt bei ihm deshalb Hühnerleber zum Einsatz.Bei den tierischen Ködern schwört Nils insbesondere auf Hühnerbestandteile. Beim Döbelangeln kommt bei ihm deshalb Hühnerleber zum Einsatz.

CC: Aus den Erkenntnissen, die du als Angler und Chemiker nun gesammelt hast, welche Konsequenzen ziehst du daraus für deine Art zu fischen?

Nils Rentmeister: Ich versuche immer beide Seiten zu sehen, weil mir sowohl das Angeln aber auch die Chemie sehr viel Freude bringen und gleichzeitig viele Herausforderungen bereithalten. Ich denke sehr viel über Wirkungsweisen und Effektivität von Anfütterungsmitteln und Ködern nach. Ob mir das am Ende mehr Fische an den Haken bringt… da bin ich mir nicht so sicher. Allerdings ist jede Idee, die zum Fang eines Fisches führt, die Mühen wert. Vielleicht gibt es ja sogar irgendwann diesen magischen Lockstoff, der jeden Fisch verführt. Ich für meinen Teil hoffe, dass es niemals soweit kommen wird, denn dann würde mir und vielen anderen Anglern ein Teil dieses wunderschönen Hobbys genommen.

Ich hoffe, dass ich einen Teil zu Eurem nächsten Fang beitragen kann. Petri Heil!

 

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