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Montag, 25. Januar 2010
multi-teaser.jpgUwe Pinnau nimmt uns die Berührungsängste mit der Multirolle und gibt dabei eine kurzweilige Übersicht über technische Details, die unterschiedlichen Rollenypen und die verschiedenen Einsatzgebiete.



Meine erste Multirolle kaufte ich mir im Jahr 1991, und mal ganz vorneweg: Sie tut ihren Dienst heute noch! Damals waren Süßwassermultis noch sehr, sehr exotisch und geflochtene Schnüre gab es außer Dacron auch nicht. Immer auf der Suche nach interessantem Gerät blieb ich ein ums andere Mal an der Vitrine des Händlers hängen, wo ein, zwei Multis lagen. Sie sahen schon ungewöhnlich aus - aber gerade das faszinierte mich ja auch am Hecht - und sie waren ziemlich teuer. Egal, ich musste sie haben und hatte auch noch das Glück, eines der damals sehr wenigen Linkshandmodelle zu bekommen.
Die berüchtigten Tücken beim Werfen gestalteten sich als eher harmlos. Zum einen hörte ich davon erst als ich die Rolle schon längst hatte und fest an ein Gelingen glaubte, andererseits versuchte ich es anfangs auch gleich mit sanften Seitwärtswürfen und einem recht schweren Birnenblei. Gepaart mit einer nicht zu straffen Rute blieben die gefürchteten Perücken und Vogelnester aus.


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ABU 6501 C3, Klassiker und Arbeitstier fürs Grobe.

Die ersten Fische fing ich als ich die Multi zum Schleppen einsetzte. Es war schon sehr komfortabel die Schnur nur durch Tastendruck ablaufen zu lassen. Eine viertel Umdrehung mit der Kurbel und die Rolle war wieder zu. Schon beim ersten Drill merkte ich wie anders das Drillverhalten gegenüber einer Stationärrolle war. Alles war direkter, keine Umlenkung der Kräfte über das Schnurlaufröllchen und den Rotor. Was die Bremseinstellung anging, war es eigentlich schon egal, denn die Bremse konnte eigentlich offen sein und man hatte trotzdem eine ungeahnte Kontrolle durch die feinste Bremse die es überhaupt gibt: den eigenen Daumen! Im „Nahkampf“ mit den Fischen, kurz vor der Landung, drückte ich immer die Freilauftaste und legte die Rute anschließend ab. Sollte es doch mal passieren, dass ich die Kontrolle über den vermeintlich ausgedrillten Fisch verlieren sollte, konnte dieser so ruhig etwas Schnur abziehen, ohne die Rutenspitze abzuknicken oder das ganze Gerät ins Wasser zu befördern. Ob ganz leichter Ablauf, sachtes schleifen, oder kompromissloser Gegendruck, was immer man wünschte war mit der Daumenbremse machbar. Eigentlich hat so eine Multirolle gleich mehrere Bremsen, aber dazu später mehr.
Ich hatte vom Baum der Erkenntnis genascht und war mir sicher, einen großen Schritt getan zu haben. Dies sollte nicht meine letzte Multirolle gewesen sein. Der Markt gab aber nicht viel her und so war mein nächstes Modell Resultat eines US-Urlaubs. Eine Rolle zum Werfen und eine zum Schleppen, endlich. Bald darauf erfuhren die Multis einen gewaltigen Preissturz und wurden nicht nur erschwinglicher, sonder dadurch auch verfügbarer. Mittlerweile habe ich einen ganzen Stall voll Multis und möchte keine von ihnen missen, da man fast alles mit ihnen machen kann und jede ihr spezielles Einsatzspektrum abdeckt.

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Die Multi: Perfekter Begleiter im Bellyboat.

Schleppfischen
Das Schleppen ist eine wahre Domäne der Multirolle. Schnurfreigabe durch Tastendruck und Spulenarretierung durch kurbeln, alles todsicher und mit einer Hand machbar. Dann noch die laut knarrende Ratsche, die bei einigen Modellen den Biss anzeigt. Sie ist besonders schön bei Nacht, oder wenn man die Rutenspitze nicht immer ideal im Sichtfeld hat sondern vielleicht hinter sich.
Auch zum Naturköderangeln kann man die Multi gut verwenden, denn jede hat einen eingebauten Freilauf. Man öffnet die Schnurfreigabe und stellt die mechanische Bremse einfach so fest ein, dass die Schnur zwar gehalten wird, aber schon unter ganz leichtem Zug ablaufen kann. In der Regel nimmt man zum Schleppen auch gern mal eine etwas stärkere Schnur und von dieser auch etwas mehr, da man den Köder auch mal weit raus lässt. Hier liegt eine weitere Stärke von Multirollen: Sie fassen viel Schnur und bleiben dabei noch einigermaßen leicht und relativ klein. Da die Schnur bei ihnen auch nur gerade und ohne Umlenkung abläuft, ist es auch nicht so tragisch, wenn die verwendeten Schnüre nicht ganz so rund, sondern etwas flacher im Profil sind. Gleiches gilt für den Füllgrad der Spule. Entgegen einer Stationärrolle mit wenig Schnur, wo sich die Leine Windung um Windung über den Spulenrand quält, kann man mit einer Multirolle auch dann noch ganz gut werfen, wenn  durch ein kleines Malheur schon viel Schnur verloren ging. So kann man bspw. getrost auf eine leichte Ruten/Rollen-Kombo eine recht fette Schnur aufziehen und braucht beim Polderangeln kaum noch Abrisse zu fürchten. Auch ein richtig derber Hänger bei schneller Fahrt und ziemlich fester Bremse ist kein Akt, denn eine empfindliche Längsachse zum verbiegen - wie bei herkömmlichen Rollen - gibt es hier nicht. Auch etwas Salzwasser ist für die meisten Modelle ein Klacks, denn an Robustheit ist die Multi kaum zu toppen.


Werfen
So richtig in Mode kamen die Multis in Deutschland erst mit dem Einzug der Jerkbaitangelei. Was man brauchte war eine stabile Rolle mit viel Fassungsvermögen für dicke Schnur, alles Stärken einer Multirolle. Die anfangs noch sehr großen und schweren Köder eigneten sich gut zum Lernen, denn man musste sich schon besonders ungeschickt anstellen um damit keine gute Wurfweite zu erzielen. Die Sache wurde auch erheblich erleichtert weil man mittlerweile auch viele Modelle mit linksseitiger Kurbel bekam.
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Schnelles Jerken mit der Curado brachte Uwe diesen Sommerhecht.
So mancher lernte schnell einen weiteren ganz gewaltigen Vorteil kennen. Nicht nur die Jerkbaits waren eine Fachklientel der Multi sondern auch die althergebrachten Wobbler. Unter ihnen besonders die langgestreckten Modelle mit 3 Drillingen. Sie flatterten beim Wurf mit der Stationärrolle immer recht vehement und die Schnur oder das Vorfach verhakelte sich im Kopfdrilling, was immer einen versauten Wurf bedeutete und manchmal auch eine verangelte Stelle. Bei der Multi hat man ein viel saubereres Wurfbild. Sie bremst den Köder während des gesamten  Fluges permanent ein wenig ab und bedingt so einen stabilen Flug. Der Wobbler oder Jerkbait fliegt gestreckt und gerade und kommt auch so auf, ohne verhakeln; gleiches gilt auch für Blinker. Generell ist die gesamte Flugbahn mit einer Multi flacher und man braucht nach dem aufschlagen des Köders nicht so viel lose Schnur einzuholen um Kontakt zu bekommen. Das heißt auch, dass man mit der Multi leichter an flachen Stellen fischen kann. Wenn im Frühjahr die Hechte flach im Kraut stehen, kann es schon von Nachteil sein, wenn der Köder im hohen Bogen reinklatscht und erstmal absackt. Mit der Multirolle hätte man schon beim Aufschlag mit der Köderführung anfangen können.
Das Jerken etablierte sich und wurde weiterentwickelt. Die Köder wurden kleiner und leichter und mit ihnen die Multirollen, denn da gilt besonders: kleiner Köder, kleine Rolle. Wenn Multis überhaupt Schwächen gegenüber Stationärrollen haben, dann die, dass man mit einer großen Multirolle kaum einen leichten und kleinen Köder werfen kann. Stationärrollen haben eine starre Spule und es bedarf nicht viel Masse um davon die Schnurklänge abzuziehen. Bei einer Multi muss man die ganze Spule erstmal in Rotation versetzen und deren Trägheitsmoment überwinden. Fakt ist nun mal, dass große Multis auch große und schwerere Spulen haben.
Der Jerkerei war also die Schwere genommen wie einer fetten Sauce die Sahne und alles wurde leichter und handlicher. Ruten glichen einem Florett und die Rollen wurden zu mechanischen Wunderwerken. Nichts hatte mehr mit den Kaffeemühlen und Zweihandschwertern früherer Jahre gemein, wenngleich die Multis bis heute viel einfacher strukturiert sind als die komplexen Stationärrollen. Ich finde den Vergleich zwischen Revolver und einer Automatikwaffe eigentlich ziemlich passend. Die alten, großen Modelle sind natürlich nicht vom Markt und werden nach wie vor ihren Stärken entsprechend verwendet.


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Schwere jerkbaits sind ohne Multi kaum fischbar.

Nimmt man ein kleineres Modell als die dicke Jerk- und Schleppmulti, so kann man auch mittlere bis kleine Köder werfen. Mit einer guten Wurftechnik und einer dünnen Schnur bringt es eine kleine, moderne Multi schon auf beachtliche Wurfweiten auch bei kleinen Ködern. Die brandaktuelle, leichte Fischerei mit kleinen Hi-Tech Wobblern und sachte zu twitchenden Soft Jerks passt perfekt zu den sogenannten Baitcastern, den windkanalgestylten Multirollen, die aussehen, als hätte man sich einen Sportwagen auf die Rute geschraubt. Sie verfügen über eine sehr leichtgängige Mechanik und schmale Spulen. Die Schnurführung läuft beim Wurf nicht mit und verschwendet unnötig Wurfenergie. Der Angler kann die leichtgewichtigen Köder mit speziellen Würfen gut unter Stege und ähnliches werfen und anfangen sie einzutwitchen oder zu jerken. Man sollte sich zwar durchaus mal vergegenwärtigen, dass viele der modernen Köder und Methoden aus der Schwarzbarschangelei kommen, aber durchaus häufig auf unsere Fische wie Hecht, Barsch und auch Rapfen adaptierbar sind. Oftmals wird mit sehr straffen Ruten und monofilen Schnüren geangelt. Ich hingegen finde die Lösung mit der geflochtenen Schnur und der etwas moderateren Rute schöner; aber das ist individuell zu entscheiden.

Vertikalangeln
Das Vertikalangeln ist eine weitere Technik, der in der jüngeren Vergangenheit viel Aufmerksamkeit zuteil wurde und die kaum jemand mit Multirollen in Verbindung brachte. Absolut zu unrecht, denn auch hier kann man mit den Eigenarten einer Multirolle glänzen. Plötzliche Tiefenwechsel können mit einer Hand und dem guten, alten Tastendruck reguliert und der Köder etwas tiefer abgelassen werden. Kein lästiges umklappen des Bügels oder Rückwärtskurbeln mehr. Der unmittelbare, direkte und nicht umgelenkte Köderkontakt sowie die Daumenbremse sind alles Vorteile, die auch bei der vertikalen Fischerei angenehm zum tragen kommen.

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Auch bei schweren Vertikalködern ist die Multi gefragt.

Wer gerne eine „tote Rute“ beim Vertikalangeln einsetzt, die man nur in den Rutenhalter stellt und nicht mit der Hand führt, kommt auch kaum an einer Multirolle vorbei. Ein konzentriertes Angeln mit der Handrute wird dann plötzlich durch das urtypische Knarren der Multiratsche (sofern vorhanden) jäh unterbrochen und man hat so ganz nebenbei seine Fangstatistik aufpoliert. Auch methodische Unterarten wie das Dropshotangeln gehen gut. Nur wer ultraleicht mit winzigen Jigs und leichten Köpfen angeln will, sollte auf eine Stationärrolle zurückgreifen.

How to
Wer erstmalig eine Multirolle in der Hand hält, sollte bestenfalls auch eine entsprechende Rute darunter haben. Der Triggergriff am Rollenhalter ermöglicht ein stabiles Handling und die vielen Ringe einer Multirollenrute beugen dem Kontakt der Schnur mit dem Blank vor. Es geht aber zu Übungszwecken auch mit einer „normalen“ Rute, wobei sich hier die etwas weicheren, „glasigen“ Modelle hervortun, da sie Wurffehler eher verzeihen als ein neumodischer, brettharter Graphitnagel. Überhaupt ist gerade beim Werfen einiges zu beachten, was die Angst vor Multirollen schnell zur meistverdrängten Phobie der Neuzeit werden lassen könnte.
Eine normale Multirolle verfügt über mehrere Bremssyteme. Eines besteht aus zwei oder mehreren Kunststoffklötzchen die beim Wurf und der einhergehenden Rotation fliehkraftbedingt nach außen gedrückt werden und dafür sorgen sollen, dass die Spule nicht zu sehr überdreht und maßlos Schnur freigibt. Eine weitere Bremse kann man von außen mit einem Drehknöpfchen einstellen und dem Gewicht des verwendeten Köders anpassen. Anfänger stellen diese Bremse lieber etwas fester ein, der geübte Werfer braucht sie kaum noch. Dieser nimmt den Daumen, bremst damit sachte gegen Ende des Wurfes ab und holt so noch ein paar Meter ungebremste Wurfweite raus. Zur Justierung hängt man einen Köder an die Schnur und schaltet die Spule frei, dann dreht man so lange an dem Bremsknopf  bis der Köder nicht mehr frei fällt, sondern nur noch langsam zu Boden sinkt und durch die Rolle abgebremst wird.  Je schwerer der Köder, desto stärker der erforderliche Bremsdruck. Bei einem bedeutend leichteren Köder muss die Einstellung wieder geändert werden, da man sonst viel an Wurfweite verschenkt.
Die dritte Bremse ist mittig an der Kurbel mit einem Sternrad einzustellen und hat die Aufgabe, den Abzugwiderstand für den gehakten Fisch zu regulieren, wie bei einer Stationärrolle. Es gibt auch Rollen mit magnetischen und mittlerweile sogar digitalen Bremsen.
Wichtig ist eine saubere Wurfbewegung, da das ruckartige und hektische rumflitschen wie beim Fischen mit der Stationärrolle zwangsläufig zu Perücken führt. Die Wurfbewegung muss harmonischer und gleichmäßiger erfolgen. Langsam hinten beschleunigen, nach vorne hin schneller werden, werfen und die Bewegung in die Wurfrichtung hin ausklingen lassen. Die Tai-Chi Schüler aus dem Pekinger Stadtpark wären sicher allesamt gute Multirollenwerfer! Nicht nur am Anfang, sondern auch später ist man mit Seitwärtswürfen immer sicherer dran, als mit der Überkopftechnik. Am Anfang sollte man es angehen wie in der Warmspielphase beim Tennis. Lockere Schlenzer mit der Vor- oder Rückhand, keine Gewaltwürfe. Diese gezielten, flachen Seitwärtswürfe gestatten dann auch später die Fischerei unter Steganlagen oder Brücken.
Jeder Anfang ist schwer, aber die oft verbreitete Panik vor Multirollen und vor allem der Werferei ist absolut unbegründet. Für richtige Angsthasen gab es sogar schon Rollen mit ABS, sprich Anti Backlash System, welches Perückenbildung vorbeugen sollte, aber später dann geübte Würfe unnötig verkürzte. Etwas Geduld und keine zu dünne und zu locker aufgespulte Schnur und es dauert nicht lange, bis man sich an die ach so ungewohnte Rolle gewöhnt hat.


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Auch irische Frühjahrshechte lassen sich mit der Multi bändigen.

No goes
Wenn man von Multis und deren Schwächen spricht, kann das nur eine kurze Geschichte werden. Hat man ultraleichtes Barschangeln mit absoluten Ultrleicht-Ködern wie den leichtesten Jigs, kleinen Spinnern Gr. 0-2 und Miniwobblern im Sinn, kommt man aus den bereits oben genannten Gründen besser mit einer Stationärrolle klar. Eher unschön ist auch die Werferei bei permanentem Gegenwind. Hier kann man zwar mit sauberer Wurftechnik und ausgeklügelten Bremssystemen (Calais DC) Abhilfe schaffen, aber es ist in der Regel schon schwieriger. Ein gravierendes Handicap war auch immer der geringe Schnureinzug und die niedrige Übersetzung. Gummifischangeln ging da mit der Stationärrolle schon einfacher, aber in Zeiten von Baicastern mit 1:7 Übersetzung wie der Curado 201 DHSV von Shimano ist auch hier die Monopolstellung der Stationärrolle Vergangenheit.
Ich selbst fische sehr gerne mit Gummiködern und Multirollen, denn auch hier verheddert sich beim Wurf kaum etwas. Ungünstig ist die Kombination allenfalls bei großen Angeltiefen, denn durch das stetige Abbremsen durch die Multi sackt der Köder nicht an der Einschlagstelle zu Grund, sondern kommt immer näher zurück zum Boot. Hier kann man sich aber damit behelfen, dass man den Wurf gleich höher und mit Schnurbogen ansetzt um dann mehr Spiel beim absacken zu haben.

Fazit
Die Multirolle ist kein schnurfressendes Monster, das zur richtigen Bedienung ein Ingenieurstudium verlangt, sondern ein absolut feines und hochwirksames Angelgerät, das seinen Käufer mit einer meist hohen Lebenserwartung belohnt. Wer einmal den Umgang mit einer Multirolle drauf hat, will oft kaum noch was anderes machen und kauft sich sicherlich noch weitere Modelle. Also keine Angst und ran an die Multi!


Text und Bilder: Uwe Pinnau